Die Rechnung kommt – und sie wird immer länger!

Autor: Lifeline

Text: Diamanten Werkstatt

Forum: Sucht-Selbsthilfeforum

Negative Folgen der Sucht – Wenn Probleme in Kauf genommen werden.

Die Rechnung kommt – und sie wird immer länger!

Negative Randerscheinungen werden in Kauf genommen. Das ist eben so eine Sache bei einer Suchtkrankheit. Die Probleme, die dadurch entstehen, kommen zwangsläufig irgendwann dazu. Und trotzdem macht man weiter.

Die Folgen werden dadurch natürlich nicht kleiner – im Gegenteil. Sie werden meistens immer größer. Aber man verdrängt sie, redet sie klein oder sagt sich einfach: „Wird schon nicht so schlimm sein.“ Und damit nimmt man diese ganzen Randerscheinungen einfach in Kauf.

Krank sein gehört plötzlich irgendwie dazu

Ein Beispiel kenne ich selbst noch ziemlich gut. Man wacht morgens auf und fühlt sich einfach nicht gut. Dann heißt es: „Mir geht’s heute nicht so gut.“ Dabei weiß man eigentlich ganz genau, warum das so ist. Vielleicht hat man am Tag vorher einfach wieder übertrieben.

Auch das kann eine negative Randerscheinung sein. Man wird häufiger krank, lässt sich vielleicht auch öfter krankschreiben und versucht, irgendwie durch den Tag zu kommen. Aber wirklich hinterfragt wird das Ganze nicht.

Pflichten? Die können auch mal warten …

Irgendwann betrifft es aber nicht mehr nur die Arbeit. Auch ganz normale Pflichten werden vernachlässigt.

Arzttermine werden nicht wahrgenommen. Briefe bleiben ungeöffnet liegen. Wichtige Termine werden vergessen oder einfach nicht eingehalten. Freunden sagt man zu, dass man kommt – und dann geht man doch nicht hin.

Das kenne ich natürlich auch von mir.

Durch die Antriebslosigkeit und den Suchtdruck verschiebt sich die eigene Sichtweise immer mehr. Wenn der Suchtdruck befriedigt werden soll, ist für andere Dinge plötzlich kaum noch Platz. Und wenn man dann seine Sucht befriedigt hat, ist man manchmal so platt, dass man eigentlich überhaupt keine Lust oder Kraft mehr hat, noch irgendwo hinzugehen oder etwas zu erledigen.

Und irgendwann wird man dabei auch leichtsinnig.

Man denkt sich: „Ach, den Termin kann ich auch noch später machen.“ Oder: „Heute nicht, morgen vielleicht.“ Und aus diesem „morgen“ wird dann irgendwann gar nichts mehr.

Das Sichtfeld wird immer kleiner

Das ist für mich eine der großen negativen Randerscheinungen der Sucht.

Das eigene Sichtfeld wird immer kleiner. Die Sucht nimmt immer mehr Platz ein und andere Dinge verschwinden langsam aus dem Blickfeld.

Vielleicht war man früher ordentlich. Die Wohnung war sauber, Termine wurden eingehalten und man hat sich um seine Sachen gekümmert. Und irgendwann sieht es ganz anders aus.

Die Wohnung wird unordentlich. Die Körperhygiene wird vernachlässigt. Wie man sich anzieht, ist einem vielleicht irgendwann auch egal. Freunde und Familie werden vernachlässigt.

Nicht weil einem diese Menschen plötzlich egal sind, sondern weil sich das Leben immer mehr um eine einzige Sache dreht: Wie bekomme ich meinen Suchtdruck in den Griff?

Und dafür wird immer mehr Kraft eingesetzt – während für alles andere immer weniger übrig bleibt.

Auch der eigene Körper wird irgendwann überhört

Bei mir gab es auch körperliche Randerscheinungen.

Ich hatte zum Beispiel immer wieder Schmerzen oder ein Zwacken irgendwo im Bauch- oder Rückenbereich, ungefähr in der Gegend von Leber oder Nieren. Ich bin kein Arzt und wusste natürlich nicht, was das wirklich war.

Aber ich hatte schon Gedanken wie: „Was ist das eigentlich? Hoffentlich ist das nichts mit der Leber.“

Und was habe ich gemacht?

Zum Arzt gegangen? Nein.

Ich habe es immer wieder vor mir hergeschoben.

Wenn ich getrunken hatte, war es irgendwie wieder besser und damit war das Problem für mich erst einmal erledigt. Und wenn ich nichts getrunken hatte und wieder etwas gespürt habe, kamen die Gedanken natürlich zurück.

Aber anstatt wirklich etwas zu unternehmen, wurde es wieder verdrängt.

Man hört irgendwann sogar auf seinen eigenen Körper nicht mehr richtig.

Der Suchtdruck ist wichtiger. Hauptsache, dieses Gefühl verschwindet und man bekommt wieder seine vermeintliche Normalität zurück.

Und auch beim Geld hört der Spaß irgendwann auf

Geld kann ebenfalls zu einer negativen Randerscheinung werden.

Wenn immer mehr Geld für die Sucht draufgeht, fehlt es natürlich an anderer Stelle. Und durch dieses eingeschränkte Sichtfeld kauft man vielleicht auch Dinge, die man eigentlich gar nicht braucht.

Die Vernunft tritt immer mehr in den Hintergrund.

Freunde werden vernachlässigt, die Familie wird vernachlässigt und irgendwann leidet vielleicht auch die Arbeit darunter. Die Kraft, die man eigentlich hätte, um sein Leben zu regeln, wird immer mehr für die Sucht gebraucht.

Und trotzdem macht man weiter.

Genau das ist für mich der Punkt.

Man sieht die ganzen negativen Randerscheinungen teilweise sogar selbst. Man weiß, dass etwas nicht stimmt. Man merkt, dass man Termine versäumt, seine Wohnung vernachlässigt, seine Freunde nicht mehr sieht oder ständig irgendwelche Ausreden braucht.

Aber trotzdem geht es weiter.

Nicht unbedingt, weil man das alles toll findet. Sondern weil man suchtkrank ist und die Sucht immer mehr bestimmt, was wichtig ist und was nicht.

Der Suchtdruck will befriedigt werden. Man möchte dieses Glücksgefühl wiederhaben oder einfach nur wieder dieses Gefühl von „Normalität“.

Und dafür nimmt man immer mehr in Kauf.

Die Rechnung kommt später – oder vielleicht ist sie längst da.

Denn genau das ist das Tückische daran: Die Rechnung wird nicht dadurch kleiner, dass man sie nicht sehen möchte.

Im Gegenteil.

Je länger man die negativen Randerscheinungen in Kauf nimmt und verdrängt, desto größer kann der Berg werden, der irgendwann vor einem steht.

LG.Lifeline